... und deine Story?

Viele wegen führen nach … ach, geh doch wohin du willst!

Sep 8, 2017 | Branding

Heute vormittag stehe ich im regionalen Ländle-Supermarkt an der Kasse … vor mir ein abgehetzter Business-Mann, hochgestresst, ein „keine-Zeit“-Mensch auf dem Weg zum nächsten Termin. Zum Bezahlen hält er sein Handy-Display vor den Barcode-Scanner des Kassiers. Es piept und schon ist er zur Tür rausgesaust. Den Einkauf hat er sich grad noch so unter den Arm geklemmt. Der Kassier fängt an, meine Siebensachen über den Scanner zu ziehen. „Was macht ihr denn da für lustige Sachen mit dem Handy?“, will ich wissen. „Ach, das ist jetzt neu ein Blue Code, der ist nur für ein paar Sekunden gültig und dann wird der Betrag direkt vom Bankkonto abgebucht. So wie mit EC-Karte“, klärt er mich auf.

Ich bin ja nun der digitalen Welt und ihren Entwicklungen durchaus nicht abgeneigt. Liebe Güte, ich bin sogar auf Snapchat angemeldet und manchmal mache ich komische Bilder von mir mit übergroßer Sonnenbrille oder einem bunten Glitzer-Wirbel als Heiligenschein über meinem Haupt, damit ich sagen kann, ich „snappe“ auch.  Mein 4-jähriger Neffe hat mehr Spaß damit als ich. Na, nix gegen Snapchat … ich schweife ab. Jedenfalls fragte ich mich, wozu ich diese BlueDings brauche, wenn ich doch auch mit der EC-Karte (unter bestimmten Umständen sogar codefrei) bezahlen kann. Um Zeit zu sparen? Sekunden? Milllisekunden? Möglicherweise, denn sonst hätte es der gute Mann vermutlich nicht geschafft, mich auf dem Weg nach draußen mit seinem PS-starken SUV beinahe über den Haufen zu fahren. Soviel Zeit muss einfach sein.

Und dann komm ich zurück ins Büro, scrolle mich durch e-Mails und meine Facebook-Timeline. Und da sind sie wieder. Die vielen Menschen, die mir sagen möchten, wie ich möglichst schnell riesenhafte e-Mail-Listen aufbaue und massenhaft potentielle Kunden gewinne, indem ich mir Follower aufbaue. Ich schau mir ein paar der Seiten an, denn die sind wirklich ansprechend und beinahe haben sie mich wieder soweit.

Soweit, dass ich denke, ich mache etwas falsch.

Weil ich keine 25.378 Mail-Abonnenten habe, ich habe keine 22.723 Follower, von denen mindestens 10% regelmäßig bei mir „einkaufen“. Gut, liegt vielleicht auch daran, dass ich derzeit nicht allzuviel zum Shoppen anbiete. Daran könnte man tatsächlich arbeiten. Ach, ich hab grad Lust mich zu outen. Warte, jetzt:

Ich habe noch nie einen 5-stelligen Monats-Umsatz gemacht!

Darf man das laut sagen? Bin ich jetzt offiziell erfolglos? Habe ich versagt als Selbständige? Darf man denn heutzutage auch mit weniger zufrieden sein? Darf ich mit der EC-Karte bezahlen, wenn es sowas wie den BlueCode gibt? Ich weiß nicht mal, ob das Ding wirklich so heißt. Ich hab’s vergessen. War wohl zu beschäftigt damit, mir den PIN-Code meiner EC-Karte in Erinnerung zu rufen.

Ich überlege gerade, ob ich mit einem 5-stelligen Umsatz glücklicher wäre. Ja, ich denke, manche Dinge würde das erträglicher machen. Vielleicht könnte ich sogar Menschen beauftragen, die mir Arbeit abnehmen, damit ich meine 125.754 Ideen wirklich alle umsetzen kann. Ich hab mir viele Konzepte angesehen und ich weiß in etwa, wie die meisten funktionieren, die auf diese Weise arbeiten – und HEY, die sind teils echt gut! Ich meine, wirklich-wirklich gut! Das System und der Aufbau, wie man einen Salesfunnel erschafft und so weiter und so fort – ja, das klappt! Mit Sicherheit sogar.

Die Etepete-Strategie und der Zizibe-Faktor

Die Sache ist die …

Es ist so gar nicht mein Ding, mich so zu vermarkten. Ich hab das versucht. Ich wollte es echt auch so probieren. Und ich sage auch nicht, dass ich es nicht wieder mal versuche, auf diese Weise ein „Produkt“ zu launchen (großer Gott, allein dieser Halbsatz macht mich schon wieder ganz wahnsinnig … und irgendwie hungrig … vielleicht weil Launch so nach Lunch klingt. Möglich.), aber ich werde mir nicht das Konzept von Frau Etepetete oder Herrn Zizibe abkupfern können. Von wollen wollen wir gar nicht reden. Wollen will ich nämlich schon gar nicht.

Ich werde wohl immer aus einer bestehenden Vorlage von was-auch-immer, mein eigenes Ding schaffen müssen. Und das will ich auch. Denn dann ist es meins. Dann bin ich das, die das geschaffen hat. Dann brauche ich auch niemanden, der mir hilft, wenn etwas nicht funktioniert – denn es gibt keinen, der Schuld daran trägt. Denn dann ist alles auf meinem Mist gewachsen. Das macht mich frei. Und unabhängig. Und deswegen bin ich sehr dafür, dass wir alle wirklich gut in uns reinhören und gut überlegen, was uns Freude macht. Was wir gut können. Wo unsere Talente liegen. Womit wir begeistern können. Und wir können. Jeder von uns. Es gibt etwas, dass du so gut erzählen, schreiben, darstellen kannst und dass auf diese eine Weise, die dir total liegt, dass dir Menschen gerne zuhören – und glauben. Und vertrauen. Weil sie spüren, dass es echt ist, was du sagst und machst. Weil du in dem Moment auch echt bist.

Ich mag meinen Mist.

Und wenn es genau dein Ding ist alles so zu machen wie die Etepetete und der Zizibe – hey, super! Gratuliere, dann mach das. Genau so. Und wenn es das nicht ist, weil du eigentlich lieber was anderes machen magst, um deine Freude nach draußen zu tragen, um zu zeigen, worin du einfach unschlagbar bist – dann mach einfach das andere. Es ist beides gut und richtig und wichtig.

Ich hätte zum Beispiel heute damit anfangen können, meine Monster-Mail-Liste aufzubauen mit megavielen Kontakten. Stattdessen habe ich diesen Artikel hier geschrieben. Der mir vielleicht keinen einzigen Kunden beschert. Der mir keinen 5-stelligen Umsatz beschafft. Den vielleicht nicht mal jemand liest. Aber ich werde ihn lesen. Heute, bevor ich ihn „nach draußen“ schicke. Vielleicht in ein paar Monaten wieder. Und während ich ihn heute schreibe, bin ich glücklich. Einfach so. Ohne erhöhten Umsatz. Ohne neuen Kunden. Einfach so. Weil Schreiben zu meiner Natur gehört. Weil es mich glücklich macht, das hier tun zu können. Das ich selbst entscheide, dass das zu meinem Job gehört. Ohne Absicht. Ohne ein bestimmtes Schema zu verfolgen. Ohne dass es in meinem Terminkalender steht.

Ich habe diese Woche richtig viele Texte geschrieben. Für andere Menschen, die mich dafür bezahlen, dass ich das mache. Und das war so schön! Weil ich Schreiben liebe und weil es mir so leicht von der Hand geht. Es ist mein Talent und meine Leidenschaft. Aber dieser Text hier, für den werde ich nicht bezahlt. Trotzdem ist er kostbar für mich. Weil ich ihn für mich selbst geschrieben habe. Das lässt mich heute Nacht ruhiger schlafen als 17.000 Newsletter-Abonnenten.

Was sagt das jetzt über meinen Erfolg aus?

  • Ich habe keine 1745 Kunden – ich habe aktuelle 5 (!) feste Kunden, für die ich jeden Monat arbeite. Und ich liebe jeden einzelnen davon, weil wir uns schon so lange begleiten. Sie sind alle supercool und wir haben eine echte Beziehung zueinander, die über die Monate & Jahre und mit viel Kommunikation gewachsen ist. Und ich hab 5-10 Flexi-Kunden, die mich immer mal wieder brauchen, wenn die Saison danach verlangt und das macht mein Berufsleben sehr spannend, weil jeder einzelne von ihnen eine coole Socke ist mit coolen Geschichten und Produkten.
  • Ich bin aktuell bereits im 7. oder 8. Anlauf selbständig. Ich war es schon so oft, dass man bei der Wirtschaftskammer bei der Gewerbeanmeldung nur müde lächelt, wenn ich mal wieder von vorne beginne. Ich wusste lange Zeit nicht, was ich kann und was anderen Menschen hilft, wenn ich es für sie tue. Das ist ein anderes Thema und sicherlich einen Blogartikel wert, aber an dieser Stelle sei nur gesagt: Ich habe nie aufgegeben und ich habe das nie bereut – mittlerweile ist das 2. Jahr als Texterin, Bloggerin und Web-Frau fast voll und ich bin sehr zufrieden mit mir selbst und meiner Entwicklung.
  • Ich habe keine e-Mail-Liste mit 7.500 Kontakten oder mehr. Ich habe eine e-Mail-Liste mit ca. 500 Kontakten für meine Turtlerunner und Veganmarathon-Sachen. Einige von diesen Kontakten kenne ich schon so lange (virtuell), dass sie mir wie gute Bekannte vorkommen. Wenn ich einen Newsletter versende, bekomme ich oft sehr persönliches Feedback und das zeigt mir, dass nicht nur meine Leser für mich wie Freunde & Bekannte sind – umgekehrt ist das auch so. Für „Die Bloggerin“ habe ich eine Mail-Liste mit 10 Namen drin. Zehn Namen. Und das Schöne ist: die Hälfte davon kenne ich! Und ebenso schön ist: Die andere Hälfte nicht! Ich werde mir für diese 10 tollen Menschen was Schönes einfallen lassen, wenn die erste Post rausgeht.
  • Ich habe keine 5-stelligen Umsätze und nicht jeder Monat ist gleich easy für mich. Aber ich stehe jeden Morgen auf und freue mich auf das, was zu tun ist. Und mit wem es zu tun ist. Und ich schließe nicht aus, dass ich zukünftig 5-stellige Umsätze mache und meine Mail-Liste auf 10.000+1 anwächst … solange ich dabei nicht aus den Augen verliere, was für mich wichtig ist. Schreiben, wie, wann und wo ich will. Nicht in ein fremdes Schema gepresst sein (auch wenn’s funktioniert). Zu wissen, dass ich mein Geschäftsmodell jederzeit selbst verändern kann. Eigenständig und unabhängig. Das macht mich glücklich.

 

Also JA. Ich bin erfolgreich. In meinem Sinne.

Und wenn du zu denen gehörst, die ebenfalls keine großen Mailing-Listen haben und nur wenige Follower … und du dich damit pudelwohl fühlst, dann denk dran, dass mehrere Wege nach Rom führen. Sofern du überhaupt nach Rom willst. Soll ja auch woanders ganz nett sein.

Danke noch an Annika Thierfeld vom Marketingcafè, die mich mit ihrem liebenswerten Newsletter heute dazu inspiriert hat, das Thema doch noch in den Blog zu packen, statt früher Feierabend zu machen. Ich gehe jetzt zwar später, dafür glücklicher ins Wochenende. Läuft. Danke, Annika! 

 

 

 

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